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Im Gespräch mit Dr. Adrian Juen

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Nach diesem Motto hat Dr. Adrian Juen in seinem Pilotforschungsprojekt «Die Pädagogisierung der Nachhaltigkeit» eine Auswahl von Glasdias und Schulwandbildern aus den Sammlungen Pestalozzianum untersucht. Ziel war es, mittels einer Bildanalyse herauszufinden, inwieweit im 20. Jahrhundert (implizite) Umweltbildung stattgefunden hat. Im Interview gibt er einen Einblick in seine wichtigsten Erkenntnisse und zeigt, warum Umweltdarstellungen und -wahrnehmungen kritischer hinterfragt werden sollten.

Sie haben sich während sechs Monaten intensiv mit dem Thema der Pädagogisierung der Nachhaltigkeit befasst: Was hat Sie dazu bewegt, zu diesem Thema zu forschen?

Zunächst einmal ist die Geschichte der Umweltbildung noch relativ unerforscht, zumindest was den deutschsprachigen Raum angeht. In Anbetracht der Tatsache, dass sowohl Nachhaltigkeit als auch Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) von hoher aktueller Relevanz sind, fand ich es daher wirklich interessant, mich eingehend mit dem Thema zu beschäftigen. Als Bildungshistoriker erinnere ich mich ausserdem an eine Kindheit und Jugend, die u.a. vom Fernsehschauen geprägt war. Es ist erstaunlich festzustellen, inwieweit einem in Sendungen wie «Captain Planet» oder «Als die Tiere den Wald verliessen» bereits normatives Umweltwissen vermittelt wurde und inwieweit damit eindeutig ein pädagogischer Anspruch verbunden war. Da mich dieses Thema also schon als Kind – bewusst oder unbewusst – beeinflusst hatte, fand ich es umso spannender, mich als Wissenschaftler zu engagieren und zu versuchen, dieses Phänomen auf einer Metaebene zu beleuchten und zu erforschen.

«Vegetation an einem Seeufer» von Paul André Robert (1942) [https://sammlungen.pestalozzianum.ch/swb-1-036].

Sie haben die Quellen nicht nur auf explizite, sondern auch auf implizite Umweltbildung untersucht. Was verstehen Sie unter impliziter Umweltbildung und warum war gerade dieser Aspekt für Ihre Studie wichtig?

Umweltbildung bezieht sich gemäss gängiger, heutiger Definition auf die schulische Auseinandersetzung mit der Beziehung des Menschen zu seiner als natürlich verstandenen Umwelt. Der Clou meines Vorgehens war, bei der interpretativen Exploration des Forschungsgegenstands einzelne Bilder zu betrachten (etwa von Landschaften oder Tieren) und nicht potentiell anachronistischen sprachlichen Begriffen wie «Naturerziehung» oder «Umweltbildung» zu folgen. Auch sollte verhindert werden, Umweltbildung als Komponente der Biologie oder Geografie zu determinieren. Dadurch war es möglich, die Analyse nicht auf bewusst gestaltete Umweltschutzambitionen zu reduzieren, sondern herauszufinden, wo, wie und wann Umweltbildung implizit geschah, wodurch wir ein vollständigeres Bild der Geschichte der Umweltbildung erhalten.

Umweltbildung bedeutet nicht unbedingt Umweltschutz, und Umweltbildung findet nicht nur dann statt, wenn sie ausdrücklich als solche bezeichnet wird.

Dr. Adrian Juen

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus diesem Forschungsprojekt mitnehmen?

Umweltbildung bedeutet nach dieser Lesart nicht unbedingt Umweltschutz, und Umweltbildung findet nicht nur dann statt, wenn sie ausdrücklich als solche bezeichnet wird. Die Bildanalysen umfassen also sowohl Darstellungen der zu schützenden Natur als auch der auszubeutenden oder der mit dem Menschen koexistierenden Natur, was umso deutlicher macht, dass Umweltbildung ein sehr offenes und komplexes «Konzept» ist. Auffällig ist dabei, dass der Natur-Kultur-Dualismus oft als massgebliche Bedingung der Umweltdarstellung auftaucht: Je stärker die (teilweise didaktisch bedingte) Gegenüberstellung von Natur und Kultur und damit in der Regel eine Umweltbotschaft erscheint, desto stärker fällt die Dichotomie aus.

«Arktis» von Jörg Müller (1988) [https://sammlungen.pestalozzianum.ch/swb-1-219].

Wie interpretieren Sie diesen Natur-Kultur-Dualismus in Bezug auf das Schulwesen?

Die Tendenz zu einer dualistischen Darstellung der Beziehung zwischen Natur und Kultur oder Mensch muss kritisch hinterfragt werden. So etwas wie eine Essenz von «Natur» oder «Umwelt» gibt es nicht und wird es auch nie geben. Ihre Darstellungen sind bekanntlich vor allem soziokulturelle Konstruktionen. Was wir tun können, ist, zu reflektieren, wie wir diese Konstrukte erschaffen, wenn wir Umwelt in eingeschliffenen Mustern darstellen und wahrnehmen, und kritisch zu hinterfragen, welche Faktoren zu diesen Darstellungen und Wahrnehmungen beigetragen haben, also inwieweit wir von unseren zeitlichen Umständen beeinflusst werden.

Was nehmen Sie persönlich aus Ihrer intensiven Beschäftigung mit den Sammlungen Pestalozzianum mit?

Angesichts der Pandemie war es sehr nützlich, dass alle Quellen über ein Online-Portal digital verfügbar waren. Es war sehr spannend, die historischen Glasdiapositive und die Schulwandbilder auf diese impliziten Hinweise hin zu untersuchen, ich würde gerne mehr davon machen. Ein klares Defizit meines Projekts ist die Tatsache, dass ich nicht mit den Kinder- und Jugendzeichnungen gearbeitet habe, das werde ich irgendwann einmal nachholen.

«Die Schweiz» von Otto Baumberger (1940) [https://sammlungen.pestalozzianum.ch/swb-2-591].

Warum ein Defizit?

Glasdias und Schulwandbilder geben eine Objektivität und Universalität vor, die sie nicht haben. Bei der Interpretation geht es häufig darum, die Komposition des Bildes zu betrachten und zu fragen, was es bedeutet, dass ein bestimmter Bildausschnitt oder ein bestimmtes Sujet gewählt wurde. Schulwandbilder haben oft eine unmissverständliche politische Komponente. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich Analysen von Kinderzeichnungen viel mehr auf die nicht-intentionalen oder teilweise intentionalen Aspekte des Bildes. Kinderzeichnungen stellen Dinge aus dem täglichen Leben dar und enthalten soziokulturell bedeutende Themen, die Erwachsene gar nicht aufgreifen würden. Die Darstellung der Natur ist also freier, weniger standardisiert und somit auch weniger gefiltert.

Wenn Sie König wären, welche Veränderungen würden Sie auf der Grundlage ihrer Forschungsergebnisse initiieren, um zu einer positiven Entwicklung der öffentlichen Bildung und Gesellschaft beizutragen?

Ich würde die Lehrer:innen-Ausbildung inhaltlich vertiefen und erweitern. Dabei beziehe ich mich auf die theoretischen, wissenschaftlichen und thematischen, nicht aber die didaktischen und pädagogischen Aspekte. Ich denke, Student:innen sollten während ihrer Ausbildung mehr Freiräume haben und verschiedene Dinge ausprobieren können, die nicht «direkt» mit dem Schulalltag zusammenhängen, wie Vorlesungen in Philosophie und Sozialanthropologie. Macht das bessere Lehrer:innen aus? Das ist eine schwierige Frage. Aber ich denke, es wäre vielversprechend, denn wenn es mehr Interpretationsmöglichkeiten für die Lehrtätigkeit gäbe, wären (angehende) Lehrer:innen vielleicht zufriedener mit ihrem Studium und ihrem Beruf und somit hoffentlich auch offener dafür, grundlegende und schulalltägliche Angelegenheiten kritisch zu hinterfragen.

Um das Bildungsverständnis und das pädagogische Wissen in der Öffentlichkeit zu erweitern und zu vertiefen, unterstützen und lancieren wir innovative Projekte.