• Fundstücke

Zeichnen gegen den Quarantänekoller

Mädchen, 11 Jahre aus Zürich, «Emmentaler Bauernhaus», 1964, Sammlungen Pestalozzianum, Signatur IIJ_307_024.

«Lieber Wettbewerbsonkel»: So begann ein elfjähriges Mädchen 1964 einen Brief an die Jury des Wettbewerbs „Zeichne das Emmental“, den es der hier abgebildeten Zeichnung beilegte.

Weiter schrieb es: «Eigentlich wollte ich in der Sportwoche nach Basel in die Ferien. Aber weil mein kleiner Bruder den Mumpf gehabt hat, glaubte meine Mutter, dass ich ihn auch bekommen würde, und ich musste zu Hause bleiben. Da sah ich im Beobachter Deinen Wettbewerb!“.

Stalden-Crème versüsst die Langeweile

Mumpf bzw. Mumps hatte diesem Mädchen einige Tage Quarantäne beschert. Der Wettbewerb aber schenkte ihr etwas Zeitvertreib. Die “Berneralpen Milchgesellschaft” hatte nämlich Kinder dazu aufgerufen, sich von der Emmentaler Landschaft künstlerisch inspirieren zu lassen: „Malt oder zeichnet das Emmental, wie ihr es euch vorstellt: ein schönes Emmentaler Haus, einen Bauern, weidende Kühe oder was euch sonst einfällt.“

Etwa 800 Kinder folgten diesem Aufruf und wetteiferten um den Hauptgewinn. Dieser bestand aus Gratislieferungen von “Stalden-Crème” für ein ganzes Jahr lang. Schon seit über 100 Jahren bringt das Nostalgieprodukt Kinderaugen zum Strahlen und lässt ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Die “Berneralpen Milchgesellschaft” hatte Anfang des 20. Jahrhundert begonnen, ihre “Stalden-Crème“ zu produzieren, und zwar in den Geschmacksrichtungen Schokolade – der Klassiker –, Vanille, Caramel und Mocca. Benannt wurde die beliebte Dessert-Crème nach dem Produktionsort Stalden im Emmental (in den 1930er-Jahren fusionierte der Ort mit der Gemeinde Konolfingen). Entwickelt wurde das Produkt im Zusammenhang mit der Cholera-Pandemie. Die schwere, bakterielle Durchfallerkrankung grassierte Ende des 19. Jahrhunderts in Europa und brachte vielen Menschen den Tod. Und diejenigen, die von einer Ansteckung verschont blieben, lebten in Angst und scheuten nicht selten Kontakte zu fremden Menschen und den Genuss von Speisen in Hotels und Restaurants. Denn Cholera-Bakterien werden etwa durch verunreinigtes Trinkwasser oder kontaminierte Lebensmittel übertragen.

Eigentlich wollte ich in der Sportwoche nach Basel in die Ferien. Aber weil mein kleiner Bruder den Mumpf gehabt hat, glaubte meine Mutter, dass ich ihn auch bekommen würde, und ich musste zu Hause bleiben. Da sah ich im Beobachter Deinen Wettbewerb!

Mädchen, 11 Jahre aus Zürich, 1964.

Keimfreie Milch: Eine Voraussetzung für das Überleben

Hygiene, gesunde Ernährung und keimfreie Lebensmittel wurden zum Garanten des Überlebens – auch für Betriebe im Gastgewerbe. So gründete der Walliser Hotelpionier César Ritz die Berneralpen Milchgesellschaft, um seine Gäste mit keimfreier Schweizer Alpenmilch versorgen zu können. Milch galt Ende des 19. Jahrhunderts zwar als äusserst gesundes, aber auch gefährliches Produkt. Es existierten weder Kühlschränke noch Pasteurisierungsverfahren. Rohmilch konnte schnell zu einem Übermittler tödlicher Krankheitskeime werden. Hygiene sowie gesunde, keimfreie Lebensmittel versprachen Schutz vor Ansteckung und liessen sich perfekt als Werbung im Gastgewerbe einsetzen. Zumindest versuchte César Ritz seine Gäste mit Werbung für die gesunde, keimfreie Schweizer Alpenmilch – trotz der Cholera-Pandemie – zum Besuch seiner Hotels und Restaurants zu bewegen.

Auch wenn es der Berneralpen Milchgesellschaft gelang, keimfreie Milch zu produzieren, wurde sie erst durch die Verbindung mit Schokolade erfolgreich. Und dies nicht nur wegen des süssen Geschmacks. Schokolade galt um 1900 als pharmazeutisches Heil- und Stärkungsmittel. 1903 wurde die erste Stalden-Crème im Emmental produziert und verkauft.

Weitere Informationen über den Zeichenwettbewerb

Alle Einsendungen zum erwähnten Wettbewerb ‚Zeichne das Emmental‘ sind auf dem Portal Sammlungen Pestalozzianum der Stiftung Pestalozzianum zugänglich.
Der Zeichenwettbewerb der Berneralpen Milchgesellschaft gehört zum Teilbestand «Internationales Institut für das Studium der Jugendzeichnung» (IIJ). Dieses Institut wurde 1932 als Abteilung des Pestalozzianums in Zürich unter der Leitung des Primarlehrers Jakob Weidmann (1897-1975) gegründet. Das Institut baute eine Studiensammlung an Kinderzeichnungen auf und sammelte Schulzeichnungen (national und international) sowie Zeichnungen aus Wettbewerben. Das Institut war dem Reformprojekt «Neues Zeichnen» verpflichtet, welches das kreative Zeichnen der Kinder fördern wollte.

Weitere über 60’000 Zeichnungen werden bis Ende 2021 im Teilprojekt Kinder- und Jugendzeichnungen erschlossen und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Februar 2021

Autor:innen
Anne Bosche, Sara Müller, Peter Stücheli-Herlach